Was ist aus dem Genossenschaftsgedanken geworden?Sehr geehrter Herr Kaiser,
aus meinen Erfahrungen mit den Umständen, unter den vor 20 Jahren der nun auslaufende Strom-Konzessionsvertrag zwischen RWE und den Kommunen im Landkreis Ahrweiler ab-geschlossen wurde, kommt für mich die Suche von RWE nach örtlichen Verbündeten nicht überraschend. Noch wesentlich mehr als vor 20 Jahren steht RWE heute unter Druck. Gleich fünf Konkur-renten machen RWE alleine in Bad Neuenahr-Ahrweiler die Stomnetzkonzession streitig. Mit ihrem Konzessionsrecht verfügt die Stadt in dieser Situation über ein scharfes Schwert, um das höchstrichterlich festgestellte marktbeherrschende Stromduopol von E.ON und RWE („Eschwege-Urteil“ des BGH) vor Ort aufzubrechen. Eine Vielzahl anderer Kommunen hat dies bereits genutzt und die Energieversorgung als Aufgabe der örtlichen Daseinsvorsorge „rekommunalisiert“. Die einschlägigen kartellrechtlichen Mißbrauchsverfahren gegen über-höhte Strompreisforderungen zeigen, wie notwendig solche neuen Wettbewerber sind. Auch im Kreis Ahrweiler hat sich das herumgesprochen. Zugleich sind direkte „Morgengaben“ an die Kommunen über die gesetzlich zulässige Konzessionsabgabe hinaus, wie sie RWE vor 20 Jahren zur Verlängerung der heute auslaufenden Konzessionsverträge im Kreis Ahrweiler zahlte, inzwischen gesetzlich untersagt.
Daß RWE in dieser Situation hilfesuchend ausgerechnet bei der Volksbank Rhein-Ahr-Eifel fündig wurde, überrascht dann doch. Ist der genossenschaftliche Gründungsgedanke so in Vergessenheit geraten, und das regionale Prinzip, das Interesse an der Stärkung der eigenen Region gleich mit?
Jedenfalls nicht überall. Bundesweit haben eine Vielzahl von Instituten aus Ihrem Verband die die Zeichen der Zeit sehr wohl erkannt und vermögen zwischen marktbeherrschenden, global agierenden Energie-konzernen und kleinen und mittleren Unternehmen zu unterscheiden. Sie haben erkannt, in welchem Umfang die energiewirtschaftlichen Oligopole mit steigenden Energiepreisen immer mehr Kaufkraft aus Ihren Geschäftsgebieten abziehen. Sie haben erkannt, in welchem Maße eine dezentrale Energiewirtschaft mit Erneuerbaren Energien statt dessen Kaufkraft in die Region zurückgewinnt, neue Erwerbsmöglichkeiten und Einkommen vor Ort schafft, die regionale Wirtschaft stärkt und regional verwurzelten Bankinstituten neue Geschäftsfelder erschließt. Darf ich dazu Ihren Kollegen Werner Philipp, Vorstandsvorsitzender der Volksbank Raiffei-senbank Eichstätt e.G., zitieren, der anläßlich der Preisverleihung durch die Genossen-schaftsverbände Frankfurt und Bayern gesagt hat: „Wir sind bestrebt, Energiekosten einzus-paren und selbst Energie zu erzeugen. Durch diesen Prozess wird die Kaufkraft in der Region gefördert...“ So gründen Ihre Schwesterinstitute andernorts Bürgerenergiegenossenschaften, z.B. die Volksbank Ammerland Süd. Dort nehmen die Bürgerinnen und Bürger getreu dem genossen-schaftlichen Gedanken die Dinge wieder selbst in die Hand. Ihre Genossenschaft – nicht der große Energie’versorger‘ - betreibt Photovoltaikanlagen auf den Dächern ihrer Gemeinde und zahlt aus dem Gewinn eine Dividende. Im Bereich Weser-Ems gibt es geradezu eine Gründungsflut solcher Bürgerenergiegenossen-schaften, unterstützt von den örtlichen Volksbanken wie der Volksbank Oldenburg oder der Volksbank Cloppenburg (um nur mal zwei zu nennen). Claudia Kempfert, Professorin für Energieökonomie vom DIW Berlin schreibt im Genossen-schaftsmagazin profil (Februar 2009) auf die Frage, ob regionale Energieerzeugung ein Mo-dell der Zukunft ist: „Wir benötigen viele mittelständische Unternehmen und dezentrale Energieerzeugungsanlagen... Denn je mehr kleine Unternehmen den großen Vier - RWE, EnBW, E.oN und Vattenfall – Paroli bieten, desto besser.“ Gerne weise ich auch auf eine Veranstaltung der Akademie Deutscher Genossenschaften „Neue Geschäftsfelder im Firmenkundengeschäft erschließen: Finanzierung von mittelständi-schen Projekten im Geschäftsfeld ‚Erneuerbare Energien‘" vom 1. – 3. April in Berlin hin.
Vielleicht meldet sich auch Ihr Haus dort an?
Daß Sie mir als Ihrem Kunden nun aber auch noch mit sogenanntem „RWE-Pro-Klima-Strom“ ein derart unseriöses und überteuertes Angebot direkt ins Haus schicken, muß ich ja geradezu als Geringschätzung meines Urteilsvermögens als Verbraucher auffassen.
Leider hat die Volksbank Rhein-Ahr-Eifel es abgelehnt, mit einem Stand auf der Dritten Energie- und Umweltmesse Perspektrum am 21./22. März in der Landskroner Festhalle für Erneuerbare Energien und Energieeffizienz zu werben. Sie kooperieren lieber mit RWE. Trotzdem lade ich Sie als Sprecher des Kreisverbandes Ahrweiler gerne zur Eröffnung der Messe, zum Eröffnungsvortrag von Hermann Scheer und zur anschließenden Gesprächsrunde zur Rolle von Stadtwerken in einer nachhaltigen und dezentralen Energieversorgung ein. Ein Gutschein zum freien Eintritt liegt bei. Ihr Aufsichtsrat und Bürgermeister Dr. Tappe, der in diesen Tagen die Verhandlungen zur Neuvergabe der Stromnetzkonzession nicht nur mit RWE führt, hat sein Kommen zur Eröff-nung zugesagt.
Freundliche Grüße
Wolfgang Schlagwein |